Kongress Zukunft Pop erörterte Geschmacksfragen

Bei vielen Branchenmeetings, Workshops und ähnlichen öffentlichen Anhörungen wird über die Zukunft der Popmusik diskutiert. Auch die Popakademie Baden-Württemberg behandelte bei ihrem dritten Kongress zum Thema "Zukunft Pop" am letzten Novemberwochenende das Thema. Die inhaltliche Umsetzung unterschied sich freilich von derjenigen anderer Veranstaltungen. Mit angenehmen Folgen.

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"Wir wollen nicht die üblichen Diskussionsthemen zum x-ten Mal durch die Panelmangel drehen", sagt Prof. Udo Dahmen als künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg im Gespräch mit MusikWoche (siehe auch "Nachgefragt"). "Wir ziehen eine eher wissenschaftliche Betrachtungsweise vor." Schließlich arbeitet man ja an einer Popakademie mit anerkannten Studiengängen.

Das diesjährige Programm des Kongresses Zukunft Pop verdeutlichte den von Udo Dahmen formulierten Anspruch; die Umsetzung des Themas geriet informativ und erhellend - was man sicher nicht von jeder der pro Jahr gefühlt 326 Diskussionsveranstaltungen zur Musikbranche in Deutschland behaupten kann. In Mannheim ging es am Nachmittag des 26. Novembers in einem Themenblock um Wissensvermittlung im Bereich der Popmusik. Dabei beschäftigte sich die nichtöffentliche Tagung "Pädagogik und Pop" mit den Grundlagen und stellte die Frage, wie sich die "pädagogische Kraft der Popmusik" in Zukunft an den Schulen besser nutzen lässt - ein Ansatz also, der darauf abzielt, die musikalische Bildung an den Schulen zu stärken und zu fördern, was Kulturinstitutionen seit langem fordern.

Dabei steht zunächst einmal das Knüpfen eines entsprechenden Netzwerks auf der Agenda, wie der Beauftragte des Landes Baden-Württemberg für Rock und Pop an Schulen, Klaus-Dieter Mayer, im Gespräch mit MusikWoche sagte. Welche Ansätze zu verfolgen wären, darüber tauschten sich nicht nur Musikpädagogen aus Mannheim und Heidelberg, sondern auch Kollegen und Kolleginnen aus Hamburg, Siegen und Erlangen-Nürnberg sowie vom Bundesministerium für Bildung Forschung aus. Doch die Popakademie knüpft nicht nur regionale Netzwerke. So drehte sich ein weiteres Panel mit internationaler Besetzung unter dem Motto "The Future of Academic Education in Pop Music" um grenzüberschreitende Konzepte. Die Teilnehmer aus den USA und den Niederlanden, aus Schweden, Norwegen und Deutschland tauschten Erfahrungen aus über Arbeitsweisen und Erfordernisse internationaler akademischer Programme zur Popmusik.

Der zweite Themenblock des Kongresses beschäftigte sich fast schon traditionsgemäß mit "Music Content" und all dem, was sich damit machen lässt. Dabei standen in der Panelrunde mit dem Thema "Do it yourself - Musikpromotion und -vertrieb" eher Ratschläge und Tipps für junge Musiker im Fokus, während sich beim Thema "Popmusik und Geschmack" fünf kompetente Menschen intensiv Gedanken über Kitsch und Stil, Geschmacksbildung und Authentizität in der Popmusik machten. Im Promotion- und Vertriebspanel waren sich alle Teilnehmer schnell einig: Das Internet eröffnet viele neue Wege zur Selbstdarstellung und Selbstvermarktung, auf die kein Musiker mehr verzichten sollte, wenn er es auf Popularität über seinen engsten Freundeskreis hinaus abgesehen hat.

Die schier unüberschaubare Fülle an Möglichkeiten gilt es jedoch sinnvoll einzusetzen, wenn man sich von der Masse abheben will, betonte Hubert Wandjo, Business Director und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg. Er wies auf den Weg des Crowdfundings hin: Wer als Künstler oder Band genug Unter-stützer für ein Projekt um sich scharen kann, erreicht damit nicht nur die erhoffte Finanzierung, sondern auch schon mal eine gute Fanbasis. Moritz Sauer, Journalist, Buchautor und Dozent, gab den praktischen Rat: Jede Band braucht zunächst einmal eine eigene Website, um auf sich aufmerksam zu machen. Die müsse allerdings professionell gestaltet sein.

Diesem Appell schloss sich Dirk Brünner an, Geschäftsführer der Mannheimer Internetagentur Leitmotiv, die die Plattformen regioactive.de und backstage.PRO betreibt. Viele Bands, die sein "Social-Business- Netzwerk für die Musikbranche" nutzen wollen, machten sich leider nicht genug Gedanken über ihre Selbstdarstellung, oft genug fehle es schon an unerlässlichem Basismaterial wie Pressefotos oder einer gut geschriebenen Biografie. Zudem wies Brünner darauf hin, dass kein noch so ausgeklügelter Webauftritt den direkten Kontakt zum Publikum im Konzert ersetzen kann: "Tretet live auf, so oft ihr könnt!"

Moderator Manfred Gillig-Degrave, Chefredakteur des Medienpartners MusikWoche, fand, dass die Mundpropaganda nach einem guten Konzert allemal besser als ein "Like"-Button und eine Empfehlung im Internet sei, und fragte, ob all diese Maßnahmen zur Steigerung der Popularität denn letztlich ausreichen, um ein wirtschaftliches Überleben der Künstler zu gewährleisten - und sei es auch nur im Bereich der Durchschnittseinnahmen für Musiker von rund 12.000 Euro im Jahr.

Prof. Hubert Wandjo wies darauf hin, dass bereits 5000 aktive Fans, die bereit sind, für Musik, T-Shirts, Konzertkarten und ähnliches zu bezahlen, ausreichen, um die Existenz einer Band zu sichern. Wer allerdings größere Ambitionen hat und im Spitzenfeld mitspielen will, der werde ab einem bestimmten Punkt nicht umhin kommen, zwecks Karriereförderung mit Profis für Promotion und PR oder auch für Covergestaltung und Vertrieb zusammenzuarbeiten.

Und ganz sicher könne es sich heute niemand mehr leisten, auf Streamingdienste wie Simfy oder Spotify zu verzichten, betonte Colin Lovrinovic, der als Absolvent der Popakademie inzwischen beim Kölner Anbieter Simfy für den Bereich Licensing und Labels zuständig ist. Fazit: Das Internet hält für jede Phase der Vermarktung und des Vertriebs hilfreiche Tools bereit. Kreative Substanz, professionelle Arbeit und die intensive Beziehungspflege zu den Fans vor allem im Livebereich lassen sich mit diesen Angeboten freilich nicht ersetzen, sondern allenfalls positiv verstärken. Und insgesamt ist die Lage unübersichtlicher und schwieriger geworden, betonte Hubert Wandjo. Erfreulicherweise schätzte keiner der Panelisten den Streit zwischen YouTube und GEMA als für so wichtig ein, dass man im gegebenen Kontext hätte darüber reden müssen.

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Vor dem Panel zur Promotion und Vermarktung hatten die Mannheimer Programmgestalter die Geschmacksfrage aufgeworfen: Was geht, was geht nicht? "Was ist Go-Go, was ist No-Go in der Popmusik?", wie es Moderator Udo Dahmen ausdrückte. Die Antworten auf eine solche Fragestellung fielen den teilnehmenden Stil- und Geschmacksexperten einerseits leicht, ließen sich andererseits aber doch nicht in allgemein gültige Regeln fassen. Für den Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner von der Universität Siegen gilt: "Der kulturelle Kontext entscheidet, was geht und was nicht geht."

Jörg-Peter Klotz, stellvertretender Feuilletonchef des "Mannheimer Morgens", brachte die historische Komponente nach der Aufklärung ins Spiel: "Geschmacksbildung geht einher mit bürgerlicher Freiheit." Michael Herberger, Keyboarder, Songwriter, Produzent und musikalischer Leiter der Söhne Mannheims, sagte: "Wir haben uns von Anfang an bewusst frei gemacht von jeglichen Einflüssen und unseren Stiefel durchgezogen." Es gehe vor allem um Authentizität. DJ Hans Nieswandt möchte lieber von Kompetenz sprechen als von Authentizität: Heute würden alle möglichen Styles miteinander verknüpft, selbst der einst als trashig empfundene Italopop oder die Band Boston hätten im neuen Kontext ihren Reiz. "In Europa herrscht der Eklektizismus; authentisch bin ich allenfalls als Ober-Eklektiker."

Auch Kitsch könne eine authentische Botschaft transportieren, meinte Nieswandt und zitierte Susan Sonntag, die über den Kitsch-Cousin Camp gesagt hat, er sei "die Lüge, die die Wahrheit spricht". Für Marcus Kleiner zeigt sich Authentizität zum Beispiel bei AC/DC, jedoch nicht bei den Scorpions, und er findet einen protzigen US-Superstar wie Jay- Z viel unauthentischer als den Mundharmonikaspieler Michael Hirte, "denn der kann nicht anders". Geschmack sei eine Mode, keine Grundbedingung.

Das findet auch Nieswandt: "Bei der Jugend geht es dabei nicht um eine existenzielle Bewusstseinsentscheidung. Man fragt sich nicht mehr: Was ist wichtig für meine Ernährung? Sondern: Worauf habe ich heute Appetit?" Für Jörg-Peter Klotz ist der DJ als Künstler "Resultat dieser totalen Geschmacksfreiheit", denn "geschmacksbildende Instanzen wie noch in den Achtzigern sind heute ausgefallen". Oder wie es Nieswandt ausdrückte: "Wir leben in postrevolutionären Zeiten."

Stimmung kam auf, als Moderator Dahmen seine Gesprächspartner fragte, was denn für sie schlechte Musik sei. Für Marcus Kleiner gab es da kein langes Überlegen: Richtig schlechte Musik sei die der Söhne Mannheims: "Die macht mich wütend, weil es Musik ist, die mehr verspricht, als sie hält." Michael Herberger konterte, er sei froh, "dass wir polarisieren". Ansonsten versuche er, "Musik grundsätzlich mit dem Herzen zu hören, und wenn das nicht funktioniert, höre ich sie mit dem Kopf an".

So könne er zumindest vielleicht nachvollziehen, was der Künstler beabsichtigt habe. Aber das Saxofon! "Wenn ich ein Saxofon höre, krieg' ich die Krise", sagte Herberger, vor allem wenn es auch noch mit Keyboards zusammen gespielt werde. Auch Hans Nieswandt outete sich als Saxofon-Gegner, gab indes zu Protokoll: "Die Welt der schlechten Musik ist vielfältig." Und so findet er vor allem Sakropop grottenschlecht, mit dem er sich kürzlich aus Anlass des Papstbesuchs beschäftigt hat. "Böse, zynische Musik" sei auch die Ballermann-Bedienung, "richtig böse Musik" sei Nazirock. Zudem könne er das "Virtuositätsgesinge" mancher Künstlerinnen nicht ab, vermutlich dachte er dabei an Mariah Carey.

Apropos Gesang: Jörg-Peter Klotz "muss flüchten, wenn ich Sopran höre; ich würde nie eine Oper besuchen, weil ich es nicht aushalten würde". In seiner Feuilletonposition sehe er sich "eher als Stiftung Warentest", denn als Geschmacksordnungshüter; er frage sich immer: "Kauf' ich den Leuten ab, was sie da machen?"

„Und was raten wir jungen Musikern“, fragte Udo Dahmen zum Schluss. "Mut und Realismus" schlug Marcus Kleiner vor. Michael Herberger fand das zu viel verlangt: "Ich war nicht realistisch, als ich mein Biologiestudium für die Musik an den Nagel gehängt habe, ich war einfach jung." Hans Nieswandt findet ein Zitat von Steve Jobs angebracht: "Stay happy, stay foolish." Zumindest bis zum nächsten Kongress Zukunft Pop.

Der Nachbericht wurde freundlicherweise vom Medienpartner musikwoche zur Verfügung gestellt.
www.musikwoche.de

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Max Micus
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